Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt – ein Bettler, wenn er denkt

Ein bekannter Umweltwissenschaftler, Professor einer Universität, hielt in kleinem Kreis von Leuten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Medizin und Kultur einen Vortrag über die aktuelle Lage und die aus seiner Sicht notwendigen dringlichen Massnahmen. Die Lage erläuterte er mit einer raschen Abfolge von Daten, Statistiken, Verweisen auf wissenschaftliche Expertisen und populäre Buchpublikationen, politischen Meinungsäusserungen, Gerichtsentscheiden, historischen Vergleichen usw. Es ging um Artensterben, Ressourcenverbrauch, Klimawandel bzw. CO2, Luftverschmutzung, Nachhaltigkeit, erneuerbare Energiesysteme, Disruptionen in der Menschheitsgeschichte usw. Die praktische Wirtschaft sei heute gefangen im Denken der Produktivität, vor allem der Arbeitsproduktivität. Innovationen gingen in die völlig falsche Richtung, weil sie ressourcenverschleissend seien. Der Wohlstand sei heute viel zu ungleich verteilt. Die Volkswirtschaftslehre halte an völlig überholten Vorstellungen ökonomischer Zusammenhänge fest. Die Finanzindustrie komme in der Volkswirtschaftslehre gar nicht vor. Usw.

Die Klimaziele müssten unbedingt erreicht werden, die Erderwärmung sei auf 1.5° C zu begrenzen.

Vieles war den Zuhörern bereits bekannt, anderes neu. Einiges blieb zusammenhangslos im Raum stehen - war wohl interessant, hatte jedoch keinen Bezug zum übrigen Inhalt.

Einige Male erwähnte er seine beruflichen Kontakte zu den höchsten Kreisen in der Politik, die er berate und an deren Texten er mitschreibe.

Seine Forderungen, die er aus der Lageanalyse ableitete, waren viel radikaler als üblicherweise publiziert, vor allem bezüglich ihres zeitlichen Wirksamwerdens: Starke Einschränkung der Mobilität in den allernächsten Jahren; Share Economy für alles, was man nicht dauernd braucht, vor allem Autos, aber beispielsweise auch Hobby- und Heimwerkerartikel; Verzicht auf Fleischkonsum; sofort viel mehr Wind- und Solarenergie; Schliessen der Materialkreisläufe zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs; dramatisches Senken der CO2-Emissionen, auch durch Vervielfachung des CO2-Preises; Konsumverzicht bei Kleidung, Wohnen, Freizeit; Konsumenten müssten unverzüglich und völlig auf Klimaschutz umdenken; Neudefinierung der Landwirtschaft in Richtung Bio und Artenvielfalt.

In der anschliessenden Diskussion kamen Zweifel zur Sprache. Was geschieht, wenn die Klimaziele bis zum Jahre 2030 oder 2050 verfehlt werden? Was kann Europa zu diesen Klimazielen beitragen? Welchen Einfluss haben China, Indien, die USA? Was bewirkt das massive Bevölkerungswachstum in Afrika mit Blick auf das Klima? Die Antworten dazu blieben aus oder waren ziemlich vage, ausgenommen jene zu Afrika. Die afrikanische Bevölkerung wachse noch stärker als bisher angenommen, berichtete der Referent, und zwar von 1.3 Milliarden Einwohner auf 4 Milliarden vor dem Ende des Jahrhunderts. Allein in den nächsten dreizehn bis fünfzehn Jahren werden es 500 Millionen Afrikaner mehr sein als heute. Dazu müsse Afrika ein neues Wirtschaftsmodell einführen, eines, das auf nachhaltige Umwelterhaltung ausgerichtet sei, nicht eines, welches der heutigen Wirtschaft in der Welt entspreche. Wie das gehen soll, konnte nicht mehr vertieft werden, denn an diesem Punkt ging die Diskussion in allgemeines Geplauder über. Offenbar waren die Teilnehmer zur Erkenntnis gelangt, an diesem Abend mit jemandem im Gespräch zu sein, der in höheren Sphären der Theorie sein Brot verdient. Denn: In über fünfzig mehrheitlich unterentwickelten afrikanischen Staaten ein neues Wirtschaftsmodell einzuführen, das nicht einmal in Europa oder sonstwo auf der Welt existiert, das empfand man doch als zu utopisch. Für Träumereien war der Abend noch zu jung.