Zivilreligiöses

Zeitgeistige Trends sind wohlbekannt – Kleidung, Denken und Verhalten richten sich mehr oder weniger danach.

Neu scheint mir ihr Absolutheitsanspruch. Man hat so zu denken und zu sprechen, wie es der veröffentlichte Zeitgeist verlangt. Beispiele: Gleichstellung, Gleichheit, Quoten, gender, grün, woke, soziale Gerechtigkeit, Diversität, Datenschutz, mehr Regulierung bzw. strenge Massnahmen und strenge Kontrollen zu vielen Themen, Identität, political correctness, Klima, cancel culture, Solidarität, Oeko.

Aktivisten machen sich für diese Themen stark, NGO sind ganz vorne dabei – beide bekommen von den Medien unbestritten Recht.

Hat man eine andere Meinung als die politisch Korrekten, so ist eine Abstrafung zu erwarten.

Wellen der Solidarisierung ziehen über Gesellschaften her, wie beispielsweise die me-too-Bewegung, black-lives-matter etc. - Denkmäler werden zerstört, Häuser und Strassen umbenannt.

Offenbar gab es das aber auch schon früher. Stefan Zweig notierte im Jahre 1941, es mache sich eine „Herdentollheit“ breit, „tyrannische Ideologien“ seien breit akzeptiert. In seinem Buch über Montaigne fand er für solchen Zeitgeist die Bezeichnung „Tollwut der Fanatiker und Ideologen“.

Also: Die aktuellen Trends sind grundsätzlich nichts Neues.

Aber was ist heute nicht im Zeitgeist, was ist in der veröffentlichten Meinung nicht trendig, ja sogar „out“? Wenig Zuspruch erhalten beispielsweise: Nationalismus, Fakten, Leistung, Wirtschaft, Konzerne, wirtschaftliche Macht, Marktwirtschaft, Privatwirtschaft, Eigenverantwortung, Haushaltsarbeit, Hausfrau, Liberalismus, Elite, Rasse, weisser alter Mann, persönliches Risiko.

Henry Kissinger meint in der NZZ vom 20.5.21: „Für die internationale Strategie und Aussenpolitik muss man mindestens zwei Dinge verstehen. Erstens die Substanz dessen, was vorliegt: Was sind die Antriebskräfte, und was hält ein System aufrecht? Zweitens muss man die auftretenden Trends verstehen. Nichts ist statisch, …“ Das gilt natürlich nicht nur für die Aussenpolitik, sondern für jede längerfristige Entwicklung sozialer Systeme, also für Gesellschaften, Länder, Unternehmen. Man muss die statischen und dynamischen Einflussfaktoren verstehen.

Betrachtet man die erwähnten aktuellen Trends und Nicht-Trends und versucht daraus längerfristige Entwicklungen abzuleiten, so sind interessante Schlüsse möglich. Welche?

Meine Ideen dazu: Weitere Einschränkung der Denk-, Sprech- und Handlungsfreiheit, mehr Kollektivität, weitere Reduktion von überholten Regeln des Zusammenlebens, häufigere Neuentstehung von virtuellen Themengemeinschaften mit individuellem Zugehörigkeitsnutzen, weitere Zunahme von leistungsfreien Berufen ohne Wettbewerb, mehr Umverteilung.

Juni 2021