Das Wort Narrativ hat seit einigen Jahren Konjunktur. Damit ist in der Regel ein gesellschaftlich weitgehend anerkannter, sinnstiftender Hintergrund einer Handlung oder einer Denkweise gemeint. Unsere gemeinsamen Wertvorstellungen gehören dazu, unsere gemeinsamen Emotionen. Für sie gibt es Geschichten, Erzählungen, Bilder. Unsere Denkweise und unsere Handlungsargumente finden in solchen Rahmen statt.
Typische Narrative sind: Soziale Marktwirtschaft, Solidarität, Klimawandel, Fortschritt, Wohlstand für alle, Wertegemeinschaft, soziale Gerechtigkeit, Freiheit etc. – mit solchen Begriffen verbinden wir gemeinsame Vorstellungen und Emotionen, oftmals nicht allzu scharf abgegrenzt, aber mit Geschichten und Beispielen leicht erklärbar. Geschichten, die Narrative darstellen, finden sich sehr zahlreich auch in der Bibel (David gegen Goliath, Turmbau zu Babel, Arche Noah und die Sintflut, Adam und Eva und ihre Vertreibung aus dem Paradies, Gleichnis vom barmherzigen Samariter, etc.).
Im Strom der Zeiten ändern sich die Narrative einer Gesellschaft, und die verschiedenen Kulturkreise unterscheiden sich mit ihnen. Afrikaner, US-Amerikaner, Brasilianer, Japaner oder Chinesen lebten und leben in verschiedenen narrativen Welten. Das macht das Reisen in solche Länder ja auch interessant.
Jede Zeit hat ihre zeittypischen Narrative und glaubt, sie seien die Richtigen, die Wahren. Wie in der Mode: Kleider, Haarschnitt, Bart, Essgewohnheiten – das Aktuelle ist das Gültige. Der Zeitgeist treibt die kollektive Denkweise der Menschen weiter.
Ende des 15. Jahrhunderts publizierte der 37-jährige Sebastian Brant ein Buch mit dem Titel Das Narrenschiff, in welchem er typisches menschliches Fehlverhalten seiner Zeit als Auswuchs verbreiteter kollektiver Unvernunft beschrieb. Das regte möglicherweise Heinz Friedrich dazu an, 1972 sein kleines Büchlein Im Narrenschiff des Zeitgeistes – Unbequeme Marginalien zu verfassen.
Politiker bedienen sich besonders gerne eines Narrativs, um ihren Aussagen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Meistens gelingt es ihnen, manchmal jedoch nicht. In der aktuellen Corona-Krise verwenden deutsche Politiker und ihre Medien besonders gerne die Begriffe «gemeinsam» (gemeinsam sind wir stark) und «solidarisch» (einer für alle, alle für einen) - sie verlangen gemeinsames und solidarisches Handeln, um den kollektiven Zwang zu begründen, den die Regierungen verordnen.
«Gemeinsam» ist ohnehin ein Lieblingswort in der deutschen Politik, es kommt in fast jeder Proklamation vor, vor allem wenn es um die EU, um mehr Europa geht, trotz oder wegen den zahlreichen ungelösten Problemen auf überstaatlicher Ebene (Staatschuldenkrise der Südländer, Migrations- bzw. Flüchtlingskrise, Energiewende, Klimawandel, Brexit etc). Und Solidarität verlangt bekanntlich jeder Politiker von der Mitte bis ganz links des Spektrums. In der aktuellen Realität hört aber das Gemeinsame an den geschlossenen Landesgrenzen auf; ja sogar innerhalb Deutschlands gibt es neuerdings Grenzen, z.B. dürfen Auswärtige nicht nach Mecklenburg-Vorpommern. Und auch die Solidarität findet ihre Grenze recht schnell, z.B. bei den Schutzmasken, deren Transport ins Ausland behördlicherseits behindert wurde.
Medien nutzen Narrative für ihr «Framing». Sie geben den Informationen gleich auch eine Meinung mit. Berichten sie über Pflegepersonal, so ist es schlecht bezahlt und gestresst. Findet Afrika in die Zeitung, so ist es arm und Hunger leidend. Konzerne sind schlecht, Frauen benachteiligt, das Wetter nicht mehr so wie früher.
Apropos früher: Früher gab’s Vorurteile, heute sind auch sie Narrative.