Politische Kippbilder
Ein Kippbild oder Umspringbild zeigt zwei ganz verschiedene Wahrnehmungsmöglichkeiten eines Bildes. Bekannt ist jenes einer alten oder jungen Frau: Man sieht entweder das eine oder das andere Gesicht, nicht jedoch beide gleichzeitig. Meistens dominiert beim Betrachter eines der beiden Bilder, doch mit Verstandeskraft gelingt es, die andere Interpretation zu sehen. Ein Kompromiss-Bild ist jedoch nicht möglich, anstelle der alten und der jungen Frau kann man nicht eine Frau mittleren Alters wahrnehmen.
Jüngst haben politische Ereignisse solche Kippbilder geboten. In Erfurt wurde mit Hilfe der AfD ein Freier Demokrat zum Ministerpräsidenten gewählt, statt des bisherigen Vertreters der LINKEN. Das hat landesweit für tobende Empörung gesorgt. Politiker und Medien schäumten vor Wut, Bundeskanzlerin Merkel verlangte eine "Rückgängigmachung der Wahl", die Wahl sei "ein unverzeihlicher Vorgang". Im Ausland, und teilweise auch in der Deutschen Bevölkerung, sah man das unaufgeregt, wie ein überraschendes, aber normales parlamentarisches Ereignis: Statt einer rot-rot-grünen-Minderheitsregierung wurde eine FDP-CDU-Minderheitsregierung gewählt.
Die Vorsitzende der LINKEN warf dem frisch gewählten FDP-Ministerpräsidenten den Blumenstrauss, den sie für die Wahl ihres Vertreters zum Ministerpräsidenten bereithielt, öffentlichkeitswirksam vor die Füsse. Das sah die FAZ als «einen einzigen perfekten Moment für die Ewigkeit», als demokratisch bedeutungsvollen Akt gegen die AfD, während andere es als Hass-Geste, undemokratisch sowie unanständig sahen. Viele Leserkommentare in der FAZ widersprachen ihrer Zeitung, hatten also die gegenteilige Wahrnehmung.
Ähnliches geschah in der gleichen Woche in den USA. Präsident Trump wurde im Impeachment-Verfahren freigesprochen - für die einen ist es ein Freispruch, für die anderen indessen ein Fehler des Verfahrens. - Kurz davor hielt Präsident Trump seine Rede zur Lage der Nation, in der er sich selbst über den grünen Klee lobte. Für die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, war das unerträglich, und sie zerriss fernsehtauglich-wutentbrannt eine Kopie des Redemanuskripts vor laufenden Kameras. Das war für die Trump-Gegner ein wohltuendes Zeichen des Protestes, für die anderen eine Hass-Geste, die nicht in einen anständigen Politik-Betrieb gehört.
Offensichtlich sind diese diametral verschiedenen Wahrnehmungsbilder von Gesinnungen, Interessen und Erfahrungen geleitet - was bei anderen Kippbildern nicht immer der Fall sein muss, am wenigsten bei abstrakten Darstellungen.