Unverspurt (6.4.19)

Es ist ein ausgezeichneter Skitouren-Winter mit viel Schnee und mehrheitlich geringer Lawinengefahr. In St. Antönien liegt zurzeit mehr als ein Meter Schnee, die Hausdächer sehen imposant verschneit aus. Skitouren sind in den letzten Jahrzehnten immer beliebter geworden. Unterwegs sieht man Einzelgeher, kleine Gruppen und grosse geführte Gruppen. Ich gehöre zu den vielen Einzelgängern. Das Tempo des Aufstiegs kann ich meinen Möglichkeiten anpassen, die Route für die Abfahrt in Ruhe aussuchen. Fast immer findet man unverspurte Hänge. Wegen des günstigen Schneeaufbaus konnten diesen Winter auch extreme Steilhänge befahren werden, so in den Buchser-Bergen der Chrummenstein und die direkte Nordostabfahrt am Alvier. Es braucht dafür nicht nur die richtigen Schneeverhältnisse, sondern auch das Glück des richtigen Zeitpunkts: Man muss dort sein, bevor die vielen Nachfolgenden den Hang verspuren.

Schüler-Demos (17.3.19)

Die St. Galler Kanti-Schüler streiken jeweils am Freitag für einen besseren Klimaschutz. Die Medien sind begeistert, die Leserschaft in den Leserkommentaren nüchterner. Man wüsste nämlich gerne, was die Schülerinnen und Schüler konkret wollen, also welche Massnahmen sie als zielführender erachten als jene, die schon auf den Weg gebracht wurden. Auf die Frage, wohin die diesjährige Maturareise gehe, kam als Antwort nicht etwa «Wanderung auf den Säntis» oder «Radler-Tour um den Bodensee», sondern «Alicante», «Amsterdam», «Barcelona», «Malaga», «Mallorca», «Split» – die meisten Abschlussklassen setzen sich nach der Matura ins Flugzeug.

In den 70er-Jahres des letzten Jahrhunderts waren die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule St. Gallen ebenfalls protestierend aktiv. Sie zogen durch die Strassen und schwenkten das rote Büchlein mit Mao Zedongs Spruchweisheiten, die sie als Kapitalismuskritik verwendeten. Möglicherweise wussten sie nichts von den ca. 45 Mio. Toten, die Maos «Grosser Sprung nach vorn» zwischen 1958 und 1962 verursacht hatte – ein kommunistisches Experiment mit Hunger und Massenmord. Ob sie auch von Maos «Kulturrevolution» nichts wussten, die 1966 begann und zehn Jahre, bis zu Maos Tod, dauerte? Auch diese hatte unmittelbar Millionen von Toten zur Folge. Die Roten Garden wüteten im Auftrag Maos im ganzen Land mit Terror gegen alles, was mit Kultur in Verbindung gebracht werden konnte oder als konterrevolutionär betrachtet wurde.

Lehrerschaft und Medien waren seinerzeit nicht fähig, den Schülern Maos Verbrechen gegen das eigene Volk zu erklären und ihn auf die gleiche Stufe wie Stalin und Hitler zu stellen. Und heute? Wäre es nicht Aufgabe der Schulen, Tabuthemen zu behandeln, welche klimarelevant sind? Also zum Beispiel die Herumfliegerei in den Ferien, oder das Abschalten von Kernkraftwerken in Deutschland und der Schweiz zugunsten von Kohle- und Gaskraftwerken?

Die Anhalterin (15.3.19)

An einer Tankstelle in Memmingen nehme ich eine Autostopperin (Anhalterin) mit. Sie möchte mit mir bis Lindau fahren, von dort weiter nach Freiburg i.Br. Sie ist mitteilsam und erzählt aus ihrem noch kurzen 27-jährigen Leben. Ihr Vater war syrischer Drogendealer in Lübeck, wurde ausgeschafft und verstarb in seiner Heimat. Die Mutter ist an paranoider Schizophrenie erkrankt und deswegen seit langem in einer norddeutschen psychiatrischen Klinik. Die Anhalterin selbst hat in Lübeck das Abitur gemacht und jobbt seither in Europa und Afrika. Mit ihrem Leben ist sie sehr zufrieden, ja glücklich. Sie geniesst den relativen Wohlstand und die Reisefreiheit – sie sagt, sie habe alles, was sie benötige und wolle: Nahrung, Kleidung, Unterkünfte, Handy, Internet, Gesundheitsversorgung im Krankheitsfall. Ohne Nachdenklichkeit erwähne ich meine Kindheit in den 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Wir waren im Verhältnis zu heute arm, alle waren arm. Der Speisezettel war jahreszeitlich geprägt, frugal und wenig vielfältig, die Kleidung übernahmen wir zum Teil von den älteren Brüdern, in unserer einfachen Wohnung gab es für acht Bewohner ein einziges Bad und ein einziges WC, Reisen war kein Thema, Geld hatten wir keines, etc. Aber wir genossen die Freiheit, die für uns Kinder damals grösser war als sie für die heute wohlbehüteten und betreuten Kinder ist. – Die junge Autostopperin mit Migrationshintergrund und sehr schwierigem Elternhaus gehört in jene Kategorie junger Menschen, die gemäss aktuellem politischen Mainstream der neuen Armut unglücklich ausgeliefert sind – dabei ist sie weder arm noch unglücklich, und sie weiss es.

Michel Houellebecq (11.3.19)

Michel Houellebecq wird für seine Bücher gefeiert, vor allem in Frankreich und – etwas weniger – in Deutschlands Intellektuellen-Foren. Ich habe sein neuestes Buch mit dem Titel Serotonin, Anfang 2019 erschienen, gelesen und musste mich dabei einige Male zwingen, weiter zu machen. Vieles ist etwas schematisch, anderes schwer geniessbar. Zu letzterem gehören die pornografischen Szenen, die eingestreut auftauchen, oder seine verachtende Einstellung zu Frauen. Schematisch sind seine Kapitalismus- und Globalisierungskritiken, die EU-Landwirtschaftspolitik-Kritik (ausgerechnet am Beispiel der französischen Bauern dargestellt, die am stärksten von EU-Subventionen profitieren!), schematisch wirkt auch die vorgeführte Einsamkeit der Hauptdarsteller. Diese scheitern im Roman am System und an sich selbst. – Houellebecqs Bucherfolg dürfte ein Indiz für die Ratlosigkeit vieler Franzosen sein, wie man aus der Sackgasse des überregulierten, vergewerkschafteten, zentralistischen Sozialstaates herausfinden könnte. Tatsächlich spüren ja viele Franzosen ihre Abgehängtheit, sei es die Rückständigkeit des Landes gegenüber den Städten, sei es das Zurückbleiben der französischen Wirtschaft gegenüber jener der führenden Industrienationen der Welt. Macron scheint den Ausweg auch nicht zu kennen, die protestierenden Gelbwesten erst recht nicht. - Die NZZ meint zum Buch: «Das kann man lesen, man muss es aber nicht.»

Deutschland schafft sich ab (6.3.19)

«Deutschland schafft sich ab» war der schmissige Titel des Bestsellers von Thilo Sarrazin, der vor zehn Jahren auf dem Büchermarkt erschien und grosse Aufmerksamkeit provozierte – vor allem auch kritische Kommentare vonseiten der politischen Macher und der meinungsdominierenden Mainstream-Medien. In der Tat macht Deutschland aber auf diesem Weg weiter, so zum Beispiel mit der Verteufelung der Dieseltechnologie, die für die deutsche Automobilindustrie wesentlich ist und deren Umweltproblematik weit weniger gravierend ist, als sie dargestellt wird (was aber den Betrug mit Software nicht rechtfertigt!). Ein anderes aktuelles Abschaffungsbeispiel des Industriestandortes Deutschland sind die zahlreichen Arbeitsmarktregulierungen, die eingeführt oder noch in Vorbereitung sind: hohe Mindestlöhne, komplizierter und teurer Datenschutz, Teilzeitarbeit mit Rückkehrgarantie in Vollzeit nach Wunsch des Arbeitnehmers, Beschränkungen für befristete Arbeitsverträge, Anspruch auf Lohntransparenz für die Mitarbeiter, Wahlfreiheit zwischen höherem Lohn und mehr Urlaubstagen, Anspruch auf Home-Office-Tage, vorzeitiger Rentenbeginn usw. Eine längerfristige Wirtschaftsstrategie fehlt dem Land, die Politiker stecken in Alltagsfragen fest. Grundsätzliche Themen längerfristiger Art werden in öffentlichen Diskussionen auf die EU-Ebene verschoben, obwohl allen klar ist, dass sich die EU in einer Krise befindet und in den nächsten Jahren sich selbst wiederfinden muss.