Hans Magnus Enzensberger schreibt sarkastisch: «Kollektive lernen wahrscheinlich nur dann, wenn ihnen nichts anderes mehr übrigbleibt.» – Das Zitat hat eine gewisse Nähe zum Thema der Kollektiven Effekte, das mich immer wieder beschäftigt (ohne Sarkasmus): Es sind Eigenschaften, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen, die erst bei Vorhandensein vieler gleichartiger Elemente entstehen und sich entwickeln. Beispiele sind die Sprache (ein Mensch allein entwickelt keine Sprache, lernt nicht sprechen), die kritische Masse, die Spezialisierung, Mode, Zeitgeist, Panik, Massenhysterie, Versicherungsmathematik, Turbulenz etc. Chaos-Effekte sind eine Untergrösse zu den Kollektiven Effekten; Chaos funktioniert nur in Kollektiven. Wahrscheinlich muss man die Kollektiven Effekte in zwei Gruppen unterteilen: solche mit Interaktionen und solche ohne Interaktion. Zu letzteren gehört die Versicherungsmathematik, sie funktioniert nur im Kollektiv, aber die Elemente des Kollektivs müssen nicht interagieren, die grosse Zahl der Elemente genügt.
Kürzlich erlebte ich die Swing Kids, ein Ostschweizer Jazz-Orchester mit 13 Jugendlichen im Alter von neun bis sechzehn Jahren, aktuell 9 Mädchen und 4 Jungen. Ihr Konzert-Vortrag war herausragend professionell. Nicht verwunderlich haben sie in Japan und in den USA Preise gewonnen. Ihr Leiter, der Japaner Dai Kimoto, meinte auf meine Frage, wie es möglich sei, dass diese Kids eine so perfekte Musikalität und Instrumentenbeherrschung entwickeln können: «Das ist nur in der Gruppe, im Kollektiv möglich.» Lernen im Kollektiv scheint also erfolgreicher. Hans Magnus Enzensbergers sarkastische Bemerkung ist widerlegt, was ihm gewiss auch recht ist.
Panikforscher ordnen ihr Arbeitsgebiet der Sozialen Physik zu. Physikalische Gesetze finden sich im Verhalten von menschlichen Kollektiven. Verkehrsstaus auf Autobahnen aufgrund von zu grossem Verkehrsaufkommen sind beispielsweise mit Soziophysik erklärbar.
Man müsste mehr nachdenken und lesen über das Phänomen der Emergenz und dessen Nähe zu Kollektiven Effekten. Das Zusammenfügen von zwei Elementen kann zu etwas völlig Neuem führen, das sich nicht aus Eigenschaften der Elemente ableiten lässt. Zwei Wasserstoffatome und ein Sauerstoffatom ergeben zusammen Wasser – das wohl bekannteste Schulbeispiel der Emergenz.