Burnout (17.11.18)

Wieder mal liest man in den Tageszeitungen vom Stress der Berufsleute, die infolge ihrer Berufsbelastung ein Burnout erleiden. Einige Male habe ich dieses Syndrom erlebt, nicht an mir selbst, sondern bei Mitarbeitern in Unternehmen, die ich zu betreuen hatte. Nie war es die Folge von Berufsbelastung, sondern immer auf besonderen Stress im ausserberuflichen Leben zurückzuführen. Die Ursachen waren mannigfaltig und sind leicht vorstellbar: Partnerschaftskonflikte, familiäre Schwierigkeiten mit Kindern, Mehrfachbeziehungen bzw. Patchwork-Beziehungen, finanzielle Sorgen mit hohen Schulden, Alkoholismus, Spielsucht, Gaming bis über Mitternacht am PC, zu kurze Schlafzeiten, exzessive Wochenendreisen mit dem Auto, massives Übergewicht, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Konflikte strafrechtlicher Art etc. Der Arbeitsplatz ist für manche der einzige Ort, wo es weitgehend geregelt zugeht.

Auf dem Gupf (9.11.18)

Mit Erwin Pfiffner, Michael und Majda sowie Ursula auf dem Gupf Rehetobel, dem exzellenten Restaurant mit vielen Auszeichnungen. Die Gastgeberfamilie Klose gehört zu den besten Restaurateuren der Schweiz und hat Berühmtheit weit über die Landesgrenzen hinaus. Eigentümer ist Emil (Migg) Eberle, mittlerweile über achtzig Jahre alt, Bauernsohn, gelernter Schreibmaschinenmechaniker, ehemaliger Büromöbelunternehmer, der die schönen Seiten des Lebens hervorzuheben versteht. Sein Gupf-Weinkeller hält über 30'000 Flaschen bereit, auch solche mit besonderem Raritätencharakter, wertvolle französische Jahrgangsammlungen und Grossflaschen. Der Keller werde jedes Jahr zu ca. 50 % umgeschlagen, erklärt der Sommelier. Ein Teil des Umschlags resultiere aus Verkäufen an Dritte, wie andere erzählen. - Die Gespräche beim Abendessen schweifen von Alltagsthemen über Geschäftliches bis zu Grundsätzlichem – ein Freundschaftserlebnis in besonderem Ambiente.  Der morgendliche Blick zum Alpstein, über die Nebelschwaden der Täler hinweg, ist einzigartig.

Illegale Migration (6.11.18)

Heute finden die US-Midterm-Wahlen statt. Man ist gespannt, ob die Republikaner ihre Mehrheiten im Senat und Repräsentantenhaus halten können. Trump war in den letzten Wochen sehr aktiv im Wahlkampf unterwegs, die europäischen Medien ebenso aktiv-kritisch gegenüber Trump. Trumps Thema Nr. 1 war die illegale Migration in die USA, wobei ihm der aktuelle Flüchtlingstreck von Mittelamerika nach Norden sehr gelegen kam. Die illegalen Migranten über das Mittelmeer beschäftigt die europäische Politik und Öffentlichkeit gleichermassen, wenn auch nicht in die gleiche Richtung. Sloterdijk meint dazu, diesesProblem sei auf dem strategischen Schachbrett der USA von hohem Wert: «Für die Spielmacher in Washington laufen die Dinge, wie sie sollen, solange sie in ihrer Summe dafür sorgen, dass die Europäer in den kommenden Jahrzehnten den nordafrikanischen Klotz am Bein haben werden.»

Der Deutsche Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen wurde gestern in den vorläufigen Ruhestand versetzt. Er provozierte in einer Rede gegen die Regierung in Sachen Migrationspolitik – keine gute Idee eines deutschen Beamten. Inhaltlich hat er dennoch in wichtigen Teilen recht: Die Sicherheitslage im Land hat sich durch den Kontrollverlust in der Migration erheblich verschlechtert.

Virtuelle Welten (15.11.18)

In meinem Vortrag «Virtuelle Welten» aus dem Jahr 2000 (siehe "Vorträge und Publikationen") habe ich mich mit den Kollektiven Effekten in unserem Alltag befasst. Beim Durchlesen stelle ich fest, dass meine damaligen Überlegungen auch heute noch zutreffend sind und dass das Internet das Veränderungstempo solcher Welten noch beschleunigt hat.

Gewiss hatte mein verstorbener Freund Heinrich Oswald (ex Ringier) recht, wenn er bemerkte, dass das Internet grössere Wirkung auf unsere Gesellschaft hat und haben wird als die Erfindung des Buchdrucks.

Ilya Prigogine (1917-2003), der russisch-belgische Nobelpreisträger, meinte: «Im Vergleich zwischen der Gesellschaft von heute und der Gesellschaft der Jungsteinzeit sind es nicht die einzelnen Menschen, die sich unterscheiden, die mehr oder weniger intelligent sind, sondern es sind die Beziehungen zwischen den Individuen, die sich radikal gewandelt haben. …., weil die Kommunikationsmittel vermehrt wurden und die Dynamik der sozialen Korrelationen dadurch eine enorme Beschleunigung erfahren hat.»

Kollektive Effekte (10.11.18)

Hans Magnus Enzensberger schreibt sarkastisch: «Kollektive lernen wahrscheinlich nur dann, wenn ihnen nichts anderes mehr übrigbleibt.» – Das Zitat hat eine gewisse Nähe zum Thema der Kollektiven Effekte, das mich immer wieder beschäftigt (ohne Sarkasmus): Es sind Eigenschaften, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen, die erst bei Vorhandensein vieler gleichartiger Elemente entstehen und sich entwickeln. Beispiele sind die Sprache (ein Mensch allein entwickelt keine Sprache, lernt nicht sprechen), die kritische Masse, die Spezialisierung, Mode, Zeitgeist, Panik, Massenhysterie, Versicherungsmathematik, Turbulenz etc. Chaos-Effekte sind eine Untergrösse zu den Kollektiven Effekten; Chaos funktioniert nur in Kollektiven. Wahrscheinlich muss man die Kollektiven Effekte in zwei Gruppen unterteilen: solche mit Interaktionen und solche ohne Interaktion. Zu letzteren gehört die Versicherungsmathematik, sie funktioniert nur im Kollektiv, aber die Elemente des Kollektivs müssen nicht interagieren, die grosse Zahl der Elemente genügt.

Kürzlich erlebte ich die Swing Kids, ein Ostschweizer Jazz-Orchester mit 13 Jugendlichen im Alter von neun bis sechzehn Jahren, aktuell 9 Mädchen und 4 Jungen. Ihr Konzert-Vortrag war herausragend professionell. Nicht verwunderlich haben sie in Japan und in den USA Preise gewonnen. Ihr Leiter, der Japaner Dai Kimoto, meinte auf meine Frage, wie es möglich sei, dass diese Kids eine so perfekte Musikalität und Instrumentenbeherrschung entwickeln können: «Das ist nur in der Gruppe, im Kollektiv möglich.» Lernen im Kollektiv scheint also erfolgreicher. Hans Magnus Enzensbergers sarkastische Bemerkung ist widerlegt, was ihm gewiss auch recht ist.

Panikforscher ordnen ihr Arbeitsgebiet der Sozialen Physik zu. Physikalische Gesetze finden sich im Verhalten von menschlichen Kollektiven. Verkehrsstaus auf Autobahnen aufgrund von zu grossem Verkehrsaufkommen sind beispielsweise mit Soziophysik erklärbar.

Man müsste mehr nachdenken und lesen über das Phänomen der Emergenz und dessen Nähe zu Kollektiven Effekten. Das Zusammenfügen von zwei Elementen kann zu etwas völlig Neuem führen, das sich nicht aus Eigenschaften der Elemente ableiten lässt. Zwei Wasserstoffatome und ein Sauerstoffatom ergeben zusammen Wasser – das wohl bekannteste Schulbeispiel der Emergenz.